Die vier Kampfprinzipien

Wing Tsung® basiert im Wesentlichen auf vier einfachen Prinzipien, die, wenn sie im Kampf richtig angewendet werden, dem Gegner keine Chance lassen.

Das erste Prinzip: Ist der Weg frei, stoße vor!

Das Prinzip des Vorgehens soll mehrere Zwecke erfüllen:

  • Entschärfung und Kontrolle von Kampfsituationen im Ansatz,
  • Kontaktaufnahme mit den Händen und Beinen des Gegners, um den taktilen Eigenreflex ausnutzen zu können und
  • Verkürzung der Distanz zum Gegner, um ihm dadurch die Kraft für den eigenen Angriff zu nehmen.
Das Vorgehen kann, je nach Kampfsituation, auf verschieden- ste Art und Weise erfolgen:
geradlinig auf der Zentrallinie,

d.h. direkt und ohne auszuholen, auf dem kürzesten Weg nach vorne gerichtet. Dabei greifen wir die vertikale Achse (Mittellinie) des Gegners an. Diese Vorgehensweise ist besonders günstig bei sehr kurzer Distanz.


Abbildung:
Dai-Sifu Reimers (rechts) demonstriert mit seinem Schüler Miladin Vukelic´ das geradlinige Vorgehen mit vertikalem Fauststoß auf der Zentrallinie gegen einen Faustangriff


Geradliniges Vorgehen mit gleichzeitiger Kontrolle des hinteren Beins des Angreifers

keilförmig nach vorne,

d.h. mit leicht ausgestellten Ellbogen, um optimal vor Angriffen von außen (Schwinger, Haken) geschützt zu sein. Diese Variante ist bei mittlerer Distanz anzuwenden.


Abbildung:
Keilförmiges Vorgehen
seitlich oder aus einem Winkel heraus,

d.h. falls ein Vorgehen auf der Zentrallinie nicht möglich ist, weil der Gegner zu stark oder zu gut geschützt ist – oder aus taktischen Gründen, um den Gegner zu überraschen bzw. seine besonders verwundbaren Stellen wie Leber, Nieren oder kurze Rippen anzugreifen.


Abbildung:
Seitliches Vorgehen



Diese Strategie wird vor allem in der höchsten waffenlosen Form im Wing Tsung®, der Holzpuppe, angewendet. Bei längerer Distanz ist diese Vorgehensweise nur in Verbindung mit Fußtechniken empfehlenswert.

mit der Pauschallösung,

d.h. durch gleichzeitiges Vorgehen mit Hand und Fuß. Dabei wird der Gegner auf zwei Ebenen gleichzeitig attackiert.


Abbildung:
Vorgehen mit der Pauschallösung
Das zweite Prinzip: Ist der Weg nicht frei, bleib kleben!

Im Wing Tsung® gibt man den Kontakt mit den Armen und Beinen des Gegners – einmal hergestellt – nicht mehr auf.

Der Wing Tsung®-Kämpfer klebt förmlich am Gegner, kontrolliert ihn und lässt ihm dadurch keine Chance für weitere Angriffe.

Durch das Chi Sao-Training (Gefühlstraining) lernt der Kämpfer, permanenten Druck auf den Gegner auszuüben, die kleinste Lücke zu fühlen und in diese vorzustoßen.



Das dritte Prinzip: Ist der Gegner zu stark, gib nach!

Im Wing Tsung® arbeitet man nicht gegen die Kraft des Gegners, sondern nutzt diese Kraft und wendet sie gegen ihn. Dies geschieht nicht wie in anderen Kampfsportarten durch weiche, runde oder kreisförmige Bewegungen, sondern durch ruckartige (Jat Sao), schneidende (Huen Got Sao), ziehende (Lap Sao) oder elastische und federnde Bewegungen (Bong Sao), die dem Gegner die Kraft aus dem Angriff nehmen und ihn aus dem Gleichgewicht bringen. Der Gegner gerät aus der Balance, verliert die Zentrallinie und hat keine Chance mehr, zurück in den Kampf zu finden.

Bei starken Angriffen wendet der Wing Tsung®-Kämpfer, und zwar mit dem ganzen Körper. Die Wendung erfolgt dabei maximal bis zu einem Winkel von 60 Grad.



Das vierte Prinzip: Zieht sich der Gegner zurück, folge!

Im Wing Tsung® folgen wir dem Gegner, halten dabei aber immer den Vorwärtsdruck und Kontakt mit dessen Händen und Füßen aufrecht. Dadurch geben wir dem Gegner keine Chance, Kraft zu sammeln und einen zweiten Angriff zu starten.